Montag, 30. März 2026

Kommentar zum "P.I.A.-Jahresbericht 2025" des Bistums Trier


Ich lese diesen Bericht – und mir bleibt ein bitterer Beigeschmack.
Nicht, weil nichts getan wurde, sondern weil die Darstellung wirkt wie ein sauberer Verwaltungsbericht über ein zutiefst unsauberes Kapitel.

Und genau darin liegt das Problem:

1. „Rechenschaftsbericht“ – aber vor wem eigentlich?
Der Begriff „Rechenschaftsbericht“ springt mir sofort ins Auge.
Rechenschaft.
Ich frage mich:
Vor wem wird hier Rechenschaft abgelegt?
Vor Betroffenen?
Nein.
Vor der Öffentlichkeit?
Nur bedingt.
Vor kirchlichen Gremien?
Wohl eher.

Der Begriff suggeriert Verantwortung – aber Verantwortung bedeutet, dass jemand bewertet, hinterfragt und Konsequenzen fordert. - Hier schreibt die Institution über sich selbst.

Das ist keine Rechenschaft. Das ist Selbstbeschreibung.

Als Betroffene wirkt das wie ein Bericht, der Rechenschaft simuliert – ohne sie tatsächlich abzulegen.

2. Zahlen, die beruhigen – statt Zahlen, die aufrütteln

Der Bericht nennt z.B. die Anzahl der Schulungsteilnehmer.

Das klingt zunächst positiv.
Aber die entscheidende Zahl fehlt:
Wie viele haben nicht teilgenommen?
Diese Auslassung ist gravierend.
Denn nur Teilnehmerzahlen zu nennen, erzeugt den Eindruck von flächendeckender Prävention.

Ohne die Nichtteilnehmer bleibt völlig offen: Wie groß sind die Lücken?
In welchen Bereichen fehlen Schulungen? Wer entzieht sich der Prävention?
Wo bestehen weiterhin Risiken?
Als Betroffene wirkt das wie eine gezielte Perspektivverschiebung.

Man zeigt die Fortschritte – und verschweigt die Defizite.
Das ist keine Transparenz. Das ist selektive Information. - Dasselbe gilt für die Einholung von erweiterten Führungszeugnis. Die Praxis sieht nachweislich anders aus, als es der PIA-Bericht suggeriert.
 

3. Verwaltung von Missbrauch statt Aufarbeitung
Der Bericht wirkt strukturiert, korrekt, formal.
Doch genau das erzeugt Distanz: Missbrauch wird in Kategorien eingeordnet.
Fälle werden verwaltet.
Prozesse werden beschrieben.
Aber das institutionelle Versagen wird nicht klar benannt.
Es entsteht der Eindruck: Das System funktioniert.
Es gab nur Probleme innerhalb des Systems.

Doch aus Betroffenensicht ist das Gegenteil richtig: Das System selbst hat Missbrauch ermöglicht.


4. Der Eindruck kontrollierter Transparenz


Der Bericht vermittelt Transparenz durch Zahlen und Tabellen.
Doch Transparenz bedeutet auch, Lücken sichtbar zu machen.
Hier werden Fortschritte sichtbar gemacht, Defizite bleiben im Hintergrund.
Diese Darstellung mag für manche beruhigend wirken – aber sie verhindert eine ehrliche Risikobewertung.

5. Perspektive der Betroffenen bleibt marginal

Der Bericht beschreibt Maßnahmen für Betroffene.
Aber nicht aus ihrer Perspektive.

Es fehlt:
  • Betroffenenberichte
  • kritische Stimmen im Haupttext
  • Bewertung durch unabhängige Betroffene
  • strukturelle Kritik aus Betroffenensicht
Ich lese einen Bericht über mich – aber nicht mit mir.

6. Sprache, die Verantwortung weichzeichnet

Der Bericht verwendet eine administrative Sprache:
  • "Rechenschaftsbericht"
  • „Vorkommnisse“
  • „Meldungen“
  • „Bearbeitung“
  • „Maßnahmen“
Diese Begriffe wirken neutral. Zu neutral.
Sie verschleiern, worum es tatsächlich geht:
Gewalt.
Machtmissbrauch.
Lebenslange Folgen.

Als Betroffene wirkt diese Sprache wie ein Filter, der den Schmerz aus dem Text entfernt.

7. Zahlen statt Geschichten – Distanz statt Nähe

Der Bericht nennt Fälle, Kategorien, Summen.
Es heißt etwa, dass es 2025 neun Meldungen zu sexualisierter Gewalt gab, davon fünf konkret bearbeitet.

Vier Fälle wurden als „nicht substantiell“ oder „ohne Angabe“ eingeordnet.
Als Betroffene lese ich das und frage mich:
Wer entscheidet, was „substanziell“ ist?
Wer bestimmt, ob meine Erinnerung „genug“ ist?
Ein Trauma ist selten sauber.
Es kommt fragmentiert.
Zitternd.
Spät.

Wenn solche Meldungen statistisch aussortiert werden, fühlt sich das an wie ein zweites Schweigen.

8. Geld als Anerkennung – aber kein Ersatz für Verantwortung

Der Bericht nennt 781.000 Euro, die 2025 an Betroffene gezahlt wurden.
Als Betroffene empfinde ich das ambivalent.

Ja, Anerkennung ist wichtig.
Aber Geld wirkt auch wie ein Abschlussstrich, der keiner ist.
Ein Betrag kann keine verlorene Kindheit zurückgeben.
Keine zerstörte Biografie.
Keine Jahrzehnte voller Angst.

Und noch etwas:
Die Summen werden genau aufgelistet.
- Die emotionalen Folgen nicht.

Mein Fazit aus Betroffenensicht

Der Bericht nennt sich „Rechenschaftsbericht“.
Doch echte Rechenschaft verlangt mehr als Zahlen.

Er verlangt:
  • vollständige Transparenz (auch über Defizite)
  • Darstellung von Risiken (z. B. Nichtteilnehmer an Schulungen)
  • echte Beteiligung von Betroffenen
  • selbstkritische Analyse der Machtstrukturen
Stattdessen entsteht der Eindruck eines formal korrekten, aber kontrollierten Berichts.

Als Betroffene bleibt bei mir der Eindruck: Die Institution zeigt, was sie tut. - Aber nicht, wo sie weiterhin versagt.

Und genau das wäre echte Rechenschaft.


Claudia Adams


Sprachliche Entgleisungen von Bischof Ackermann im Vorwort

PS. Die Abschlussformel von Bischof Ackermann im Vorwort lautet übrigens: "Wie immer freuen (!) sich die Autor*innen des Berichts und ich über Rückmeldungen, Kritik und Hinweise zum P.I.A.-Bericht 2025. Ich wünsche allen Interessierten eine informative Lektüre."

„Wir freuen uns über Rückmeldungen“. -  Was für eine Floskel bei einem  Bericht über sexualisierte Gewalt. „Wie immer“ – vermittelt Routine, wo keine Routine sein darf.  Die gravierendste sprachliche Fehlleistung in diesem Vorwort von Ackermann empfinde ich allerdings  "informative Lektüre".   Herr Ackermann! - Sie reduzieren hier sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendliche durch institutionelles Versagen auf bloßes Informationsmaterial und verharmlosen absolut die Tragweite dieser Thematik. - Und das im Jahr 2026. 






Das Bistum Trier veröffentlicht "Rechenschaftsbericht 2025" für die Bereiche Prävention, Intervention und Aufarbeitung


Wenn ich nunmehr zum vierten Mal zusammen mit den Verantwortlichen im Bistum Trier Rechenschaft
darüber ablege, was wir in der Prävention gegen sexualisierte Gewalt, in der Intervention bei Verdachtsfällen sowie in der systematischen Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs tun, geschieht dies einerseits mittlerweile mit einer gewissen Routine. Die Handlungsfelder sind Teil unserer alltäglichen Arbeit geworden, und das ist wichtig und richtig. Andererseits hören wir weiterhin Zeugnisse von Betroffenen, lernen dazu, überprüfen und verbessern Prozesse und Abläufe.

Das spiegelt sich im P.I.A.-Bericht für das Jahr 2025 wider: Wiederkehrend sind die Zahlen und Diagramme etwa zu den Präventionsmaßnahmen, den bearbeiteten (Verdachts-)Fällen oder den Anerkennungsleistungen. Gerade im Bereich der Prävention werden Erfahrungen und gute Initiativen geteilt. Neues, wie der „Leitfaden bei Anliegen zur individuellen Aufarbeitung und Aufklärung von Fällen sexualisierter Gewalt im Bistum Trier“ oder die „Trierer Standards“ zur Einordnung von Verdachtsfällen,
wird vorgestellt.

Mittlerweile zeigt sich, dass sich ganz viele Menschen in diesem Bistum nicht nur „von Amts wegen“ den Themen Prävention, Intervention und Aufarbeitung verpflichtet fühlen, sondern sie als integralen Bestandteil kirchlichen Lebens verstehen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die „Kultur der Achtsamkeit“, die wir seit dem Jahr 2010 etablieren wollen, an Breitenwirkung gewinnt. Die daraus resultierenden Erfahrungen in der Praxis finden daher einen Platz im P.I.A.-Bericht – neben den Standards an Informationen, die wir für unseren Rechenschaftsbericht definiert haben. Dazu gehören auch die Vorschläge, die wir von Menschen erhalten, die selbst von sexualisierter Gewalt betroffen waren,
und vom Betroffenenbeirat. Für all das bin ich sehr dankbar. Um die Fülle an Material allen Interessierten zugänglich zu machen, bieten wir seit November 2025 auch einen „P.I.A.-Newsletter“ an, dessen Abonnement Newsletter | Prävention im Bistum Trier ich gerne empfehle.

Mit dem Jahr 2026 treten wir in die Phase ein, in der die intensive systematisch-institutionelle Aufarbeitung durch die Unabhängige Aufarbeitungskommission (UAK) im Bistum Trier ihrem Ende entgegengeht. Um sicherzustellen, dass die Ergebnisse dieser Arbeit zugänglich bleiben und für die tägliche Arbeit fruchtbar gemacht werden, haben sich die sogenannten P.I.A.-Gremien ( siehe Grafik, Seite 36/37) bereits getroffen und unter dem Stichwort „Erinnerungskultur“ erste Überlegungen für die Zukunft angestellt. Sowohl in diesem wie auch im nächsten Bericht informieren wir darüber.

Wie immer freuen sich die Autor*innen des Berichts und ich über Rückmeldungen, Kritik und Hinweise zum P.I.A.-Bericht 2025.

Ich wünsche allen Interessierten eine informative Lektüre.

Ihr
Dr. Stephan Ackermann
Bischof von Trier"


Mittwoch, 18. März 2026

BistumTrier: Opfervereinigung "MissBiT" kritisiert mangelnde Transparenz der UKA

Der Verein Missbrauchsopfer und Betroffene im Bistum Trier, Missbit, fordert mehr Transparenz, wenn die Katholische Kirche Schmerzensgeld zahlt. Betrachte man die Gesamtzahl von mehr als 730 Missbrauchsbetroffenen im Bistum Trier, so seien nach dem Bericht der UKA eben nur 219 finanziell entschädigt worden. 

Missbit kritisiert weiter, dass nach wie vor nach Aktenlage entschieden werde, die Betroffenen würden nicht angehört. Welche Entschädigung am Ende gezahlt werde, sei oft nicht nachvollziehbar. Menschen, die als Kinder über Jahre sexuell missbraucht wurden, litten oft ihr ganzes Leben lang darunter. (Quelle:"swr.de")

Donnerstag, 12. März 2026

Bistum Trier: "4,3 Millionen Euro wurden für 219 Vorgänge gewährt."



Mehr als vier Millionen Euro für Missbrauchsopfer im Bistum Trier

Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) der katholischen Kirche in Deutschland hat mehrere Millionen Euro für Opfer sexuellen Missbrauchs im Bistum Trier bewilligt.

Die von der katholischen Kirche in Deutschland eingerichtete Kommission (UKA) hat seit ihrer Gründung vor fünf Jahren mehr als 93 Millionen Euro für Opfer von sexuellem Missbrauch bewilligt. Die 4,3 Millionen Euro für das Bistum Trier sind ein Teil davon. Das steht im Tätigkeitsbericht 2025.

Die 4,3 Millionen Euro wurden für 219 Vorgänge gewährt. Das sind im Durchschnitt etwa 19.000 Euro pro Fall. Die jetzt veröffentlichten Daten beziehen sich auf den Zeitraum von 2021 bis 2025.

Leistungen für Opfer in Bistum und Ordensgemeinschaft

Neben den Zahlen für die Bistümer listet die Kommission in dem Tätigkeitsbericht auch Leistungen für Opfer in katholischen Ordensgemeinschaften.

Dabei werden auch fünf Vorgänge in der Benediktinerabtei Sankt Mathias in Trier genannt, wobei insgesamt 112.000 Euro bewilligt wurden.  (srw.de)