Forscher arbeiten sexuellen Missbrauch im Bistum Trier in der Nachkriegszeit auf
Forscher der Universität Trier haben Akten aus der Zeit der Bischöfe Bornewasser und Wehr ausgewertet. Der letzte Zwischenbericht beleuchtet den Abschnitt von 1946 bis 1966.
Die Historiker Lutz Raphael und Lena Haase haben mit weiteren Forschern der Universität Trier monatelang Akten gewälzt, um über die Missbrauchstaten berichten zu können. Dabei gingen sie vor allem Personalakten beschuldigter Priester durch. Ihre Erkenntnisse stammen aber auch aus Gesprächen mit Betroffenen und Zeitzeugen. Seit 2022 arbeiten sie an der Aufklärung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Trier.
Hunderte Jugendliche und Kinder betroffen
Für den jetzt untersuchten Zeitraum von 1946 bis 1966 haben die Forscher mindestens 335 betroffene Kinder und Jugendliche identifiziert. Die Größenordnung der Fälle war in den Amtszeiten der beiden Bischöfe vergleichbar.
Den Forschern ist dabei aufgefallen, dass es in der Amtszeit von Bischof Bornewasser mit 50 Prozent noch überwiegend Mädchen von sexuellen Übergriffen durch Priester und andere Kleriker betroffen waren. Das sei auch verglichen mit Studien in anderen deutschen Bistümern ungewöhnlich.
Unterschiede wegen anderer historischer Bedingungen
Die Historiker führen diese Besonderheit auf die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs zurück, die bis in die 1950er Jahre reichten. Sexuelle Gewalt und eine Verrohung der Sexualität waren Begleiterscheinungen des Kriegs. Sie hinterließen auch unter den vielen aus dem Krieg zurückkehrenden Priestern Spuren.
Viele Priester werden zu Tätern
Nach Angaben der Historiker wurde jeder fünfte zwischen 1946 und 1949 geweihte Priester zum Beschuldigten bzw. Täter sexuellen Missbrauchs. Die Historiker unterscheiden in ihrer Studie zwischen Einmal- und Gelegenheitstätern und Intensivtätern.
Intensivtäter aus der Eifel
Ein Fall, der besonders gravierend wirkt, ist der des Johann Baptist Bernardy. Er ist sogar schon unter dem Vorgänger von Bischof Bornewasser, unter Bischof Michael Felix Korum, durch sexuelle Übergriffe aufgefallen.
Bernardy wurde demnach schon 1913 von seinem Dechanten vorgeladen, um zur Rede gestellt zu werden. Er war damals Pfarrer in Igel und soll einen 13-jährigen Jungen "an den Geschlechtsteilen" berührt haben.
Der damalige Generalvikar ließ sich aber durch einen Brief des Beschuldigten von Konsequenzen abbringen. Bernardy soll sich in den Jahren danach immer wieder an Jungen und Messdienern vergangen haben. Erst 1927 wurde er verhaftet und kam wegen "Sittlichkeitsverbrechen" ins Gefängnis. Bischof Bornewasser sah von einem kirchenrechtlichen Verfahren ab.
Kein konsequentes Handeln gegen Täter
Er schickte ihn nach vorzeitiger Haftentlassung für drei Monate ins Kloster Himmerod. Immerhin wurde er zeitweise nicht mehr in der Pfarrseelsorge eingesetzt. Nach den Erkenntnissen der Forscher geschah das aber nicht, um Kontakte mit Kindern und Jugendlichen zu verhindern, sondern darum, dass "Ärgernis" vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Bernardy erhielt nach vielen Jahren dann die Erlaubnis, in Essingen in der Eifel Messen zu zelebrieren, und fiel erneut durch sexuelle Übergriffe auf. Dennoch wurde erst 1947 dem Pfarrer von Rockeskyll gemeldet, dass Bernardy bis auf Weiteres suspendiert sei. Der damalige Generalvikar entschied, den Fall nach Rom zu melden. Obwohl es schon mehrere Meldungen über seine sexuellen Übergriffe gab, wurde die Suspension kurze Zeit später wieder zurückgenommen.
Die Historiker gehen davon aus, dass die veränderten politischen Bedingungen dazu führten, die Sanktionen wieder zu lockern. Denn während des Nationalsozialismus stand die Trierer Bistumsleitung unter besonderer Beobachtung durch Partei, Polizei und Staatsanwaltschaft.
Priester vergeht sich an Jungen und Mädchen
Demnach zeigen auch andere Fälle, dass der Umgang der Kirche mit den Tätern auch vom Verhalten der staatlichen Strafverfolgungsbehörden abhing.
Anton Lehnert, der in den 1940er Jahren die Pfarrstelle in Kirf innehatte, soll dort mehrere Jungen und Mädchen missbraucht haben. Die Betroffenen waren zum Zeitpunkt der Übergriffe zwischen neun und 15 Jahren alt. Die Historiker gehen davon aus, dass er mindestens fünf Mädchen und sechs Jungen missbraucht hat.
Muster über zwei Amtszeiten hinweg
In beiden Amtszeiten entschieden über den Umgang mit gemeldeten Fällen meist nicht der Bischof, sondern die jeweiligen Generalvikare. Diese gingen mit den beschuldigten Priestern auffällig milde um: Wenn sie allein zuständig waren, blieben Sanktionen häufig ganz aus. Unter Bornewasser gab es für neun von 19 bekannt gewordenen Beschuldigten keinerlei Konsequenzen. Sieben wurden innerhalb des Bistums versetzt. Drei wurden kurzfristig beurlaubt.
Versetzungspraxis auch unter Bischof Wehr
Unter Bischof Matthias Wehr wurden erstmals zwei Beschuldigte auch ins Ausland vermittelt. Sie entzogen sich damit der Strafverfolgung in Deutschland. Harte Sanktionen blieben die absolute Ausnahme. In der gesamten 15-jährigen Amtszeit Wehrs wurde von insgesamt 29 bekannt gewordenen Beschuldigten nur ein Einziger zwangsweise aus dem Klerikerstand entlassen ("zwangslaisiert").
Auch wurden in beiden Amtszeiten kaum Fälle an externe Stellen wie Staatsanwaltschaft oder Vatikan weitergegeben. Unter Bischof Wehr wurde ein einziger Fall dem Heiligen Offizium in Rom gemeldet. Doch die zugehörige Personalakte des mehrfach rückfälligen Adolf Johanny wurde "bereinigt": Vielfach fehlen Aktenseiten für Zeiträume, in denen die Forscher Indizien für erneute Übergriffe haben.
Keine Fürsorge für Betroffene von sexuellem Missbrauch
Die Historiker haben keine Hinweise auf seelsorgerische Begleitung, Unterstützung oder auch nur ein Gespräch - weder in der Amtszeit von Bornewasser noch in der von Wehr.
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs schreibt dazu, dass es den Bistumsverantwortlichen vor allem um den guten Ruf der Kirche und die Bewahrung allgemeiner Sittlichkeit nach den damaligen Auffassungen ging. Häufig sei den Tätern mit großer, teils übergroßer Milde begegnet worden.
Reaktionen fallen unterschiedlich aus
Bischof Stephan Ackermann nennt die Lektüre des Berichts "aufschlussreich und bedrückend" zugleich. Der Prozentsatz der Beschuldigten unter den Geistlichen in diesen Jahrzehnten sei signifikant höher als in den darauffolgenden Jahrzehnten. Damit zeige der Zwischenbericht einen besonders belasteten Zeitraum. Die historische Untersuchung weise nach, wie schleppend die Bischöfe und die Verantwortlichen reagiert hätten.
Der Schutz der Institution habe an oberster Stelle gestanden; gegenüber den Tätern legten die Verantwortlichen "Güte und Geduld" an den Tag – Versetzung und Vertuschung waren häufig die Antworten auf vermuteten oder eingestanden Missbrauch. So sei es wenig überraschend und doch erschütternd zu lesen, dass diese Vorgehensweise in nicht wenigen Fällen zu weiteren Opfern geführt habe, so Bischof Ackermann.
Missbit nennt Bericht nüchtern und emotionslos
Ein Sprecher der Betroffenenorganisation "Missbit" sagte, für die Betroffenen seien solche Berichte schwer zu lesen. Sie seien sehr nüchtern und emotionslos verfasst. Hermann Schell nennt sie eine wissenschaftliche Zusammenstellung der Fakten, die Betroffenen aber wenig bringe. Er finde sie von der Wortwahl her zu weich formuliert, weil nie die Rede von Schuld und Versagen sei.
Für ihn sei auch ein Problem, dass das Bistum seiner Erfahrung nach bis heute nur reagiere, wenn es Druck von Betroffenen oder über die Presse gebe. Die Zahl der Betroffenen in dem Zwischenbericht von mindestens 335 sei erschreckend hoch. Und das seien nur die Fälle, die bekannt wurden. Und die Betroffenen fänden sich meist nicht in den Berichten wieder.
(Quelle: swr.de)