Mittwoch, 22. April 2026

Offener Brief an Bischof Ackermann

Sehr geehrter Herr Stephan Ackermann,

wenn Sie von einem „Abschluss der Aufarbeitung im Bistum Trier“ sprechen, ist das an Ignoranz gegenüber der Realität und gegenüber Betroffenen kaum zu überbieten.

Aufarbeitung kann man nur abschließen, wenn die Wahrheit vollständig auf dem Tisch liegt.

Gerade die „Causa Dillinger“ zeigt das Gegenteil:
  • Hinweise auf mögliche Netzwerkstrukturen (Täternetzwerke) wurden intern benannt – aber nie konsequent zu Ende aufgeklärt.
  • Zentrale Beweismittel wurden vernichtet.
  • Verantwortliche Entscheidungen und Zuständigkeiten sind bis heute nicht klar benannt.
  • Mögliche Zusammenhänge über Personen, Orte und Bistümer hinweg wurden nicht vollständig offengelegt.
Und die „Causa Dillinger“ ist nur ein Beispiel.

Wer von uns Betroffenen kann denn ernsthaft sagen, dass er die Aufarbeitung bekommen hat, die er gebraucht hätte?

Welche/r Betroffene kann sagen, dass ihr/sein Fall vollständig aufgeklärt wurde – mit klaren Antworten, klarer Verantwortung und echter Konsequenz?

Für die meisten gilt doch das Gegenteil: Es bleibt lückenhaft, unvollständig, offen. - Und genau das macht die Verarbeitung des Geschehens noch schwieriger. - Und die Heilung nahezu unmöglich. 

Aufarbeitung kennt keinen festen Endpunkt, solange es Betroffene gibt, die noch nicht sprechen konnten. Wie wollen Sie sicherstellen, dass  Betroffene auch nach einem behaupteten „Abschluss“ weiterhin Zugang zu Anerkennung und Aufklärung haben?

Die Frage muss erlaubt sein:

Verdammt noch mal: Aus welcher Motivation heraus treffen Sie diese Aussage?

Entweder kennen Sie die Wahrheit – und halten sie weiterhin und gerade deshalb zurück.
Oder aber Sie kennen die Wahrheit nicht – dann aber können Sie nicht behaupten, die Aufarbeitung könne Ende des Jahres abgeschlossen werden.

Herr Ackermann, hier bleiben grundlegende Kernfragen offen.

Und nein, ich verstehe nicht, wie man in so einer Lage einen Schlusspunkt setzen kann.

Außer, man will ihn setzen – unabhängig davon, ob er gerechtfertigt ist oder nicht.

Das heißt: Der Schlussstrich wird nicht gezogen, weil alles geklärt ist, sondern weil Sie glauben, darüber entscheiden zu können, dass es jetzt reicht. - Und dafür gibt es offensichtlich Gründe. 

Nicht die Fakten bestimmen das Ende – sondern der Wille, das Thema zu beenden.

Fakt bleibt: Von einem „Abschluss der Aufarbeitung im Bistum Trier“ kann keine Rede sein.

Sie können sie lediglich beenden.

Und wenn Sie die Aufarbeitung für „beendet“ erklären, werden Sie Ihre Gründe dafür haben:

Zum Schutz Ihrer selbst.
Zum Schutz Ihrer Vorgängerbischöfe.
Zum Schutz der Institution.
Zum Schutz der katholischen Kirche.

Vielleicht wäre es das Mindeste, Sie würden genau diejenigen fragen, um die es eigentlich geht: die Betroffenen.

Ob für uns auch gilt, dass die Aufarbeitung „Ende des Jahres abgeschlossen“ ist?
Oder ob wir jeden Tag merken, dass noch vieles nicht abgeschlossen ist.

Übrigens: Ich würde auch gern einfach nach vorne schauen. Nur noch nach vorne.
Aber das funktioniert nicht.

Die Vergangenheit lässt sich nicht abschließen wie ein Kapitel. Sie kommt zurück – immer wieder, nahezu täglich.

Sie ist nicht vorbei.
Sie wird auch am 31.12.2026 weder abgeschlossen sein noch aufgearbeitet. 
Sie ist Teil von mir geblieben.


Claudia Adams

PS.
In der Vorstellung zum P.I.A.-Bericht behaupteten Sie am 30.03.2026: „Dass wir im Grunde flächendeckend jetzt die Schutzkonzepte in den Pfarreien etabliert haben, in den Einrichtungen ohnehin, also dass ist ja ein wesentlicher Fortschritt und: Man sieht auch, dass wir ja auch eine ganze Vielfalt von Personen haben als geschulte Personen, als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die auch als Ansprechpersonen vor Ort Auskunft geben können.“ - 

Herr Bischof!  Sie sprechen dabei von Fortschritt. Tatsächlich ist belegbar,  dass diese grundlegende Schutzmaßnahmen nicht flächendeckend umgesetzt sind! Menschen arbeiten im Bistum Trier in katholischen Kindergärten ohne Schulung, ohne erweitertes Führungszeugnis – und ohne dass die von Ihnen genannten Kontroll- und Ansprechstrukturen eingreifen. Wenn also Ihre gelobten geschulten Personen, Ansprechpersonen,  „Multiplikatorinnen und Multiplikatoren“ vorhandene Schutzdefizite weder erkennen noch wirksam adressieren – welchen Auftrag erfüllen sie dann? -    Das systemische Defizit geht doch weiter bzw. wird von Ihnen aufrechterhalten.  Und Sie wagen es tatsächlich, von wirksamer Prävention sprechen? 

Kurzum: Stand April 2026: Die Aufarbeitung ist in zentralen Bereichen gescheitert, und die Prävention greift bei Weitem nicht in dem erforderlichen Maß.

"Tatkomplex Dillinger: 100 Mark für den Missbrauch von Messdienern?" - Opfer bricht sein Schweigen

Als der Skandal um den Missbrauchspriester Edmund Dillinger öffentlich wurde, stand der Verdacht sofort im Raum: Hinter Dillinger verbirgt sich ein ganzes Täternetzwerk. Jetzt berichtet ein Opfer davon. Die katholische Kirche schweigt – und zahlt.

"Hardy sagt, er sei zwischen 1964 und 1973 von so vielen Geistlichen missbraucht worden, dass er sich nicht einmal alle Namen habe merken können. Aber er erinnere sich noch an viele. Hardy sagt, er sei von einem belgischen Ferienheim bis auf die österreichische Seite der Zugspitze überall herumgereicht worden. Nicht alle Namen der Geistlichen, denen er dabei begegnete, kennt der Westerwälder, doch Nikolaus Adamek, Franz Bühler, Erich Jansen und einige weitere werde er nie vergessen.  Auch die Namen von Bistümern und Städten nennt er: Limburg, Freiburg. Köln, Augsburg, Frankfurt, Aachen. Und Trier.

Auch Edmund Dillinger gehört in diese Aufzählung. 1971, als Hardy 15 war, sei er erneut in Dillingers Zugriff geraten. Der Seelsorger war zwischenzeitlich bei einer Rom-Wallfahrt gegenüber einem anderen Jugendlichen übergriffig geworden. Das wurde dem Bistum Trier zu viel, es versetzte Dillinger ohne eindeutige Hinweise an die dortigen Stellen ins Bistum Köln nach Leverkusen - Opladen. Ein üblicher Vorgang in den 70er-Jahren.

Hardys früherer Täter und Pastor Amberg und Pastor und Dillinger hatten offenbar seither weiterhin Kontakt gehalten.  Eine Szene bleibt dem Westerwälder besonders im Kopf: Hardy erinnert sich an einen silberfarbenen Mercedes. Wie er gemeinsam mit Amberg und Dillinger in diesem Mercedes mit einem Campingwagen am Anhänger über Landstraßen zum Beispiel nach Kevelaer gefahren sei, einem Wallfahrtsort nahe der niederländischen Grenze. Dort angekommen sei ihm in dem Anhänger auf einem versteckten Parkplatz immer wieder sexualisierte Gewalt angetan worden. Er und andere Kinder, ebenfalls Messdiener, seien für 100 Mark von den Geistlichen untereinander verkauft worden. Immer wieder.  Dillinger sei der Chauffeur gewesen, Amberg der Zuhälter. -

Die Folgen davon sind bis heute sichtbar: Depressionen, Panikattacken, ein zerstörter Schließmuskel infolge der Penetration, zerquetschte Hoden. Hardy erlitt zwei Schlaganfälle und eine Hirnblutung, ist seit 2015 halbseitig gelähmt. Seine Arbeit als Verkehrspolizist habe er nach wenigen Jahren aufgeben müssen. Zu tief habe der Schmerz gesessen. Seine beiden älteren Brüder sollen ebenfalls sexualisierte Gewalt erlitten haben. Mit Mitte 20 sollen sie sich das Leben genommen haben.

Es sind Schilderungen über Menschenhandel, einen Täterring und tiefe menschliche Abgründe. Schriftliches Material, das Hardys Schilderung eventuell hätte stützen können, lag lange Zeit im Verborgenen, im mintgrünen Haus in Friedrichsthal mit der blauen Hausnummer 18. Dillinger hatte akribisch Tagebuch geführt und zahlreiche Anrufe, Treffen und Namen seiner Kontakte eingetragen.

Doch 43 der insgesamt 46 Bücher gibt es nicht mehr, die Staatsanwaltschaft Saarbrücken ließ sie nach Einstellung ihrer eigenen Ermittlungen und trotz eines von Jürgen Brauer bereits gestellten Antrags auf Einsichtnahme in einer Müllverbrennungsanlage vernichten.

Im Jahr 2012 rief Hardy erstmalig in Köln an, um beim Erzbistum seine Erlebnisse zu melden. Seine Schilderungen wurden für glaubhaft empfunden, er erhielt Zahlungen in Höhe von 15.000 Euro vom Bistum direkt, weitere 60.000 Euro von der Kölner Aufklärungskommission.

Damit war der Fall aktenkundig und nach Hardys eigenem Rechtsverständnis und dem seines Anwalts auch anerkannt. Zwar spreche, so der Anwalt, das Bistum bis heute nur von einer „Plausibilitätsprüfung“, aber das komme dem gleich. Prüfer im Bistum sei damals der heutige Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, gewesen.

Was das Erzbistum allerdings nicht tat, war, den Fall als Arbeitsunfall bei der zuständigen Berufsgenossenschaft zu melden. Das hätte Hardy schon wesentlich früher eine Rente ermöglicht, es gibt mittlerweile einschlägige Rechtsprechung dazu, die auch für Messdiener gilt.
Hardys Geschichte ist kein Einzelfall.

Nach Schilderungen von Hardys Anwalt – selbst Missbrauchsopfer – bestand das engere Netzwerk um Pfarrer Amberg aus etwa acht Personen. (den vollständigen Artikel auf  "volksfreund.de" lesen) 


Bischof Ackermann: Ende des Jahres soll die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Bistum Trier abgeschlossen sein - Man wolle nach vorne blicken


30.03.2026
Bischof Ackermann stelle den P.I.A. -Jahresbericht für das Bistum Trier vor 
(ab Minute 21:57)


"Spätestens seit 2022 ist man im Bistum Trier daran, die Missbrauchsfälle der vergangenen Jahrzehnte aufzuarbeiten. In einem Jahresbericht werden die Ergebnisse dann präsentiert. Heute wurde der Bericht für das vergangene Jahr vorgestellt. Doch dabei standen offenbar nicht die Zahlen im Vordergrund.

Im Bistum Trier gab es im letzten Jahr 15 weitere Missbrauchsvorwürfe gegen Geistliche oder Mitarbeitende. 

Mit dieser Information hätte das Bistum Trier seine Pressekonferenz zum Jahresabschlussbericht beginnen können. Doch die PR-Abteilung um Bischof Ackermann entschied sich anders: Über die neuen Zahlen wird ohne Nachfrage nicht gesprochen – über Prävention hingegen gerne. 

Ackermann: „Dass wir im Grunde flächendeckend jetzt die Schutzkonzepte in den Pfarreien etabliert haben, in den Einrichtungen ohnehin, also dass ist ja ein wesentlicher Fortschritt und: Man sieht auch, dass wir ja auch eine ganze Vielfalt von Personen haben als geschulte Personen, als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die auch als Ansprechpersonen vor Ort Auskunft geben können.“

Auch über die 780.000 Euro an Entschädigungszahlungen an Betroffene im letzten Jahr und 33 abgearbeitete Anträge wird nur geschrieben und zunächst nicht gesprochen. Ende des Jahres soll die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Bistum Trier abgeschlossen sein: Man wolle nach vorne blicken.  

Ackermann: "Bei der Erinnerungskultur ist aber in den Gesprächen, die wir bisher hatten immer auch die Frage und das Anliegen: „Wie kann es gelingen, eine aktivierende Erinnerungskultur zu schaffen? Also natürlich kann man irgendwo zusammen ein Erinnerungsmonument machen ... aber das ist eben ein Monument. Also wie kann das in eine Aktivität auch führen?“

Der Verein für Missbrauchsbetroffene „MissBiT“ kritisiert dieses Vorgehen scharf und spricht von einem völlig falschen Zeitpunkt für die Überlegungen. „Wenn der Bischof jetzt schon über einen Erinnerungsort nachdenkt, dann frage ich mich: „An was will er denn erinnern? An sein eigenes Verfehlen? Dass er nicht in der Lage war, alles aufzudecken? Dass er nicht in der Lage war, seine Vorgängerbischöfe genau an dem Punkt Vertuschung zu benennen?“ Außerdem kritisiert „MissBit“, dass das Bistum in einigen Fällen zurückhaltend mit Infos umgehe: „Individuelle Aufarbeitung bedeutet: Ich kümmere mich um die einzelnen Personen, um die oder den einzelnen Betroffenen, lege die Akten offen und kläre den Fall proaktiv auf. Das haben wir dem Bischof angeboten in einer Kooperationsvereinbarung mit MissBit, das hat man vom Tisch gewischt und ich glaube, man hat bis heute nicht verstanden, worum es geht."

Für MissBit geht es unter anderem um ein ehrliches Schuldgeingeständnis – auch von Bischof Ackermann. Das Bistum scheint hingegen zu hoffen, dass der Sturm an schlechter Presse bald abebbt." (Quelle: SR, "Aktueller Bericht, 30.03.2026)