Mittwoch, 22. April 2026

"Tatkomplex Dillinger: 100 Mark für den Missbrauch von Messdienern?" - Opfer bricht sein Schweigen

Als der Skandal um den Missbrauchspriester Edmund Dillinger öffentlich wurde, stand der Verdacht sofort im Raum: Hinter Dillinger verbirgt sich ein ganzes Täternetzwerk. Jetzt berichtet ein Opfer davon. Die katholische Kirche schweigt – und zahlt.

"Hardy sagt, er sei zwischen 1964 und 1973 von so vielen Geistlichen missbraucht worden, dass er sich nicht einmal alle Namen habe merken können. Aber er erinnere sich noch an viele. Hardy sagt, er sei von einem belgischen Ferienheim bis auf die österreichische Seite der Zugspitze überall herumgereicht worden. Nicht alle Namen der Geistlichen, denen er dabei begegnete, kennt der Westerwälder, doch Nikolaus Adamek, Franz Bühler, Erich Jansen und einige weitere werde er nie vergessen.  Auch die Namen von Bistümern und Städten nennt er: Limburg, Freiburg. Köln, Augsburg, Frankfurt, Aachen. Und Trier.

Auch Edmund Dillinger gehört in diese Aufzählung. 1971, als Hardy 15 war, sei er erneut in Dillingers Zugriff geraten. Der Seelsorger war zwischenzeitlich bei einer Rom-Wallfahrt gegenüber einem anderen Jugendlichen übergriffig geworden. Das wurde dem Bistum Trier zu viel, es versetzte Dillinger ohne eindeutige Hinweise an die dortigen Stellen ins Bistum Köln nach Leverkusen - Opladen. Ein üblicher Vorgang in den 70er-Jahren.

Hardys früherer Täter und Pastor Amberg und Pastor und Dillinger hatten offenbar seither weiterhin Kontakt gehalten.  Eine Szene bleibt dem Westerwälder besonders im Kopf: Hardy erinnert sich an einen silberfarbenen Mercedes. Wie er gemeinsam mit Amberg und Dillinger in diesem Mercedes mit einem Campingwagen am Anhänger über Landstraßen zum Beispiel nach Kevelaer gefahren sei, einem Wallfahrtsort nahe der niederländischen Grenze. Dort angekommen sei ihm in dem Anhänger auf einem versteckten Parkplatz immer wieder sexualisierte Gewalt angetan worden. Er und andere Kinder, ebenfalls Messdiener, seien für 100 Mark von den Geistlichen untereinander verkauft worden. Immer wieder.  Dillinger sei der Chauffeur gewesen, Amberg der Zuhälter. -

Die Folgen davon sind bis heute sichtbar: Depressionen, Panikattacken, ein zerstörter Schließmuskel infolge der Penetration, zerquetschte Hoden. Hardy erlitt zwei Schlaganfälle und eine Hirnblutung, ist seit 2015 halbseitig gelähmt. Seine Arbeit als Verkehrspolizist habe er nach wenigen Jahren aufgeben müssen. Zu tief habe der Schmerz gesessen. Seine beiden älteren Brüder sollen ebenfalls sexualisierte Gewalt erlitten haben. Mit Mitte 20 sollen sie sich das Leben genommen haben.

Es sind Schilderungen über Menschenhandel, einen Täterring und tiefe menschliche Abgründe. Schriftliches Material, das Hardys Schilderung eventuell hätte stützen können, lag lange Zeit im Verborgenen, im mintgrünen Haus in Friedrichsthal mit der blauen Hausnummer 18. Dillinger hatte akribisch Tagebuch geführt und zahlreiche Anrufe, Treffen und Namen seiner Kontakte eingetragen.

Doch 43 der insgesamt 46 Bücher gibt es nicht mehr, die Staatsanwaltschaft Saarbrücken ließ sie nach Einstellung ihrer eigenen Ermittlungen und trotz eines von Jürgen Brauer bereits gestellten Antrags auf Einsichtnahme in einer Müllverbrennungsanlage vernichten.

Im Jahr 2012 rief Hardy erstmalig in Köln an, um beim Erzbistum seine Erlebnisse zu melden. Seine Schilderungen wurden für glaubhaft empfunden, er erhielt Zahlungen in Höhe von 15.000 Euro vom Bistum direkt, weitere 60.000 Euro von der Kölner Aufklärungskommission.

Damit war der Fall aktenkundig und nach Hardys eigenem Rechtsverständnis und dem seines Anwalts auch anerkannt. Zwar spreche, so der Anwalt, das Bistum bis heute nur von einer „Plausibilitätsprüfung“, aber das komme dem gleich. Prüfer im Bistum sei damals der heutige Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, gewesen.

Was das Erzbistum allerdings nicht tat, war, den Fall als Arbeitsunfall bei der zuständigen Berufsgenossenschaft zu melden. Das hätte Hardy schon wesentlich früher eine Rente ermöglicht, es gibt mittlerweile einschlägige Rechtsprechung dazu, die auch für Messdiener gilt.
Hardys Geschichte ist kein Einzelfall.

Nach Schilderungen von Hardys Anwalt – selbst Missbrauchsopfer – bestand das engere Netzwerk um Pfarrer Amberg aus etwa acht Personen. (den vollständigen Artikel auf  "volksfreund.de" lesen)