Sehr geehrter Herr Stephan Ackermann,
wenn Sie von einem „Abschluss der Aufarbeitung im Bistum Trier“ sprechen, ist das an Ignoranz gegenüber der Realität und gegenüber Betroffenen kaum zu überbieten.
Aufarbeitung kann man nur abschließen, wenn die Wahrheit vollständig auf dem Tisch liegt.
Gerade die „Causa Dillinger“ zeigt das Gegenteil:
- Hinweise auf mögliche Netzwerkstrukturen (Täternetzwerke) wurden intern benannt – aber nie konsequent zu Ende aufgeklärt.
- Zentrale Beweismittel wurden vernichtet.
- Verantwortliche Entscheidungen und Zuständigkeiten sind bis heute nicht klar benannt.
- Mögliche Zusammenhänge über Personen, Orte und Bistümer hinweg wurden nicht vollständig offengelegt.
Und die „Causa Dillinger“ ist nur ein Beispiel.
Wer von uns Betroffenen kann denn ernsthaft sagen, dass er die Aufarbeitung bekommen hat, die er gebraucht hätte?
Welche/r Betroffene kann sagen, dass ihr/sein Fall vollständig aufgeklärt wurde – mit klaren Antworten, klarer Verantwortung und echter Konsequenz?
Für die meisten gilt doch das Gegenteil: Es bleibt lückenhaft, unvollständig, offen. - Und genau das macht die Verarbeitung des Geschehens noch schwieriger. - Und die Heilung nahezu unmöglich.
Aufarbeitung kennt keinen festen Endpunkt, solange es Betroffene gibt, die noch nicht sprechen konnten. Wie wollen Sie sicherstellen, dass Betroffene auch nach einem behaupteten „Abschluss“ weiterhin Zugang zu Anerkennung und Aufklärung haben?
Die Frage muss erlaubt sein:
Verdammt noch mal: Aus welcher Motivation heraus treffen Sie diese Aussage?
Entweder kennen Sie die Wahrheit – und halten sie weiterhin und gerade deshalb zurück.
Oder Sie kennen sie nicht – dann aber können Sie nicht behaupten, die Aufarbeitung könne Ende des Jahres abgeschlossen werden.
Herr Ackermann, hier bleiben grundlegende Kernfragen offen.
Und nein, ich verstehe nicht, wie man in so einer Lage einen Schlusspunkt setzen kann.
Außer, man will ihn setzen – unabhängig davon, ob er gerechtfertigt ist oder nicht.
Das heißt: Der Schlussstrich wird nicht gezogen, weil alles geklärt ist, sondern weil man entscheidet, dass es jetzt reicht. - Und dafür gibt es offensichtlich Gründe.
Nicht die Fakten bestimmen das Ende – sondern der Wille, das Thema zu beenden.
Fakt bleibt: Von einem „Abschluss der Aufarbeitung im Bistum Trier“ kann keine Rede sein.
Sie können sie lediglich beenden.
Und wenn Sie die Aufarbeitung für „beendet“ erklären, werden Sie Ihre Gründe dafür haben:
Zum Schutz Ihrer selbst.
Zum Schutz Ihrer Vorgängerbischöfe.
Zum Schutz der Institution.
Zum Schutz der katholischen Kirche.
Vielleicht wäre es das Mindeste, Sie würden genau diejenigen fragen, um die es eigentlich geht: die Betroffenen.
Ob für uns auch gilt, dass die Aufarbeitung „Ende des Jahres abgeschlossen“ ist?
Oder ob wir jeden Tag merken, dass noch vieles nicht abgeschlossen ist.
Übrigens: Ich würde auch gern einfach nach vorne schauen. Nur noch nach vorne.
Aber das funktioniert nicht.
Die Vergangenheit lässt sich nicht abschließen wie ein Kapitel. Sie kommt zurück – immer wieder, nahezu täglich.
Sie ist nicht vorbei.
Sie wird auch am 31.12.2026 weder abgeschlossen sein noch aufgearbeitet.
Sie ist Teil von mir geblieben.
Claudia Adams
PS.
In der Vorstellung zum P.I.A.-Bericht behaupteten Sie am 30.03.2026: „Dass wir im Grunde flächendeckend jetzt die Schutzkonzepte in den Pfarreien etabliert haben, in den Einrichtungen ohnehin, also dass ist ja ein wesentlicher Fortschritt und: Man sieht auch, dass wir ja auch eine ganze Vielfalt von Personen haben als geschulte Personen, als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die auch als Ansprechpersonen vor Ort Auskunft geben können.“ -
Herr Bischof! Sie sprechen dabei von Fortschritt. Tatsächlich ist belegbar, dass diese grundlegende Schutzmaßnahmen nicht flächendeckend umgesetzt sind! Menschen arbeiten im Bistum Trier in katholischen Kindergärten ohne Schulung, ohne erweitertes Führungszeugnis – und ohne dass die von Ihnen genannten Kontroll- und Ansprechstrukturen eingreifen. Wenn also Ihre gelobten geschulten Personen, Ansprechpersonen, „Multiplikatorinnen und Multiplikatoren“ vorhandene Schutzdefizite weder erkennen noch wirksam adressieren – welchen Auftrag erfüllen sie dann? - Das systemische Defizit geht doch weiter bzw. wird von Ihnen aufrechterhalten. Und Sie wagen es tatsächlich, von wirksamer Prävention sprechen?